Hallo, mein Name ist Jonathan. Und ich bin ein Elf. Genauer gesagt ein Weihnachtself. Also nicht so einer wie aus 'Herr der Ringe' oder so. Wir sind ein friedliebendes Völkchen. Jedenfalls, wenn man uns nicht ärgert. Ich komme von weit her. Aus Amerika. Ich weiß, momentan kommt nicht viel Gutes von da … Jedenfalls sind wir dort schon länger eine Weihnachtstradition. Vielleicht hast Du ja schon einmal von 'The Elf on the Shelve' gehört? Genau so einer bin ich. Die Idee ist, dass wir irgendwo in der Wohnung platziert werden, um zu beobachten, ob ihr Menschen auch brav seid. Spoiler-Alarm: Ihr seid es meistens nicht. 

Wie ich hierhergekommen bin? Nun, Familie Birkenbaum hatte von dieser amerikanischen Tradition gehört. Nach dem Flehen von Tim und Lisa und der hochgezogenen Augenbraue von Mutter Gabriele, sah sich Vater Bruno genötigt, seine Geldbörse bzw. sein Paypal-Konto zu öffnen und ein Paket in den USA zu bestellen. Vielleicht sollte man erwähnen, dass Bruno Birkenbaum kein großer Weihnachts-Fan ist. Meist lässt er die Vorweihnachtszeit grummelnd und brummend über sich ergehen. Der ganze Mumpitz sei eh zu teuer. So ein Aufwand für die drei Tage und früher war eh mehr Lametta. Ich habe in den Staaten einen entfernten Verwandten, der auch so ist. Sein Name ist Grinsch. Aber ich schweife ab. 


Nachdem das Geld digital über den Atlantik transferiert wurde, steckte man mich in eine Pappschachtel und los ging die wilde Fahrt. Ich war das erste Mal in einem Flugzeug. Uiuiui, war mir übel. Meine zarte, rosa Gesichtsfarbe verwandelte sich in ein giftiges Grün. So als hätte ich in einen Brokkoli gebissen. Pfui Spinne! Nach der Landung wurde ich dann nochmal so richtig durchgeschüttelt. Über Gepäckbänder und Rutschen landete ich in einem LKW. 'DHL' stand da in roten Lettern drauf. Mein Job ist es, ruhig zu sitzen und zu beobachten. Also ist Geduld eigentlich meine Tugend. Die Deutsche Paketzustellung hat diese dann noch einmal auf ein ganz neues Level gebracht. Es ging von A nach B über Y. Nach Tagen lud man mich dann endlich ins Zustellfahrzeug. Ich war ganz aufgeregt. Endlich sollte ich meine neue Familie kennenlernen. Dachte ich. Natürlich war niemand zu Hause und natürlich wurde ich wieder mitgenommen. Man sagt Wahnsinn sei, immer das Gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten. Am nächsten Vormittag war - oh Wunder – selbstverständlich auch niemand da. Dieses Mal wurde ich allerdings bei der Nachbarin abgegeben. Eine ältere, ich hätte gerne gesagt nette, Dame. Frau Papenstiel. So durfte ich mir den ganzen Tag Tiraden über die Nachbarschaft, das Wetter und die Weltlage allgemein anhören. Endlich wurde es Abend und es klingelte. Unsanft wurde ich mit den Worten: »Wenn man Pakete bestellt, muss man auch zu Hause bleiben.« überreicht. Gefolgt von einer zuknallenden Eingangstür. Ich dankte allen Trollen, dass ich nicht länger dableiben musste.

So trug mich Vater Birkenbaum in mein neues Zuhause und legte mich auf der Kommode im Flur ab. Unter Zeitungen. Unter Werbeprospekten. Und unter einem dicken Wollschal. Niemand nahm mehr Notiz von dem Päckchen. »Hallo! Hallooooo!« Ich trommelte mit meinen Fäustchen gegen mein Gefängnis. Aber niemand beachtete mich. 

»Bruno, hast du das Päckchen von Frau Papenstiel geholt?«, fragte Gabi endlich.

»Päckchen? Ach, das Päckchen. Ja klar. Der Zwerg. Liegt auf der Kommode im Flur. Ich hol es.«

Hatte der gerade Zwerg gesagt? So eine Unverschämtheit. Selber Zwerg. Am liebsten hätte ich ihm die Zunge rausgestreckt. Zwerg! Sowas!

Tim und Lisa, die das mitbekamen stürmten in den Flur und brachten mich in die Küche. Die Familie versammelte sich um den Küchentisch und Bruno zückte feierlich sein Schweizer Messer. Um ein Haar hätte er mir meine kleine Nase abgeschnitten! Dann öffneten sich langsam die Pappdeckel. Das Licht der Küchenlampe blendete mich. Und dann … hatte ich einen feuchten, rosa Lappen im Gesicht. Gleichzeitig hörte ich Bruno »Aus, Bodo! Böser Hund!« schreien. Jaaaa, böser Hund! Iiiiigitt! Als ich meine Augen wieder öffnete, sah ich eine große, schwarze Fellnase, die mich neugierig beschnupperte. »Geh weg!«, dachte ich. Wenn ich von Menschen gesehen werde, kann ich mich doch weder bewegen und schon gar nicht wehren. Endlich ließ das Ungetüm von mir ab und Mutter Birkenbaum holte mich vorsichtig aus der Schachtel. Und wischte mir mit einem feuchten Lappen direkt wieder durchs Gesicht. Das war ja viel besser. Fehlte nur noch Spucke und ein Papiertaschentuch.

»Tim, Lisa, jetzt hört zu. Dieser Elf …« Dabei sah sie Bruno vorwurfsvoll an. Richtig so! »Dieser Elf wird jetzt in der Weihnachtszeit genau beobachten wer lieb ist und wer nicht. Jede Nacht fliegt er dann zum Nordpol und erzählt alles dem Weihnachtsmann. Dann kehrt er zurück und versteckt sich an einem anderen Ort. Wichtig ist, dass ihr ihn niemals berührt. Niemals! Verstanden?« Lisa und Tim nickten heftig. 

Also, um es mal klarzustellen. Wir leben im digitalen Zeitalter. Und jede Nacht zum Nordpol zu fliegen, wäre jetzt auch nicht besonders nachhaltig. Wir modernen Elfen nutzen schon moderne Kommunikationstechnik. Und Santa, wie wir Amerikaner ihn nennen, kann eine SMS auch bequem abspeichern. In seinem Alter kann man sich ja nicht alles merken.


Meine erste Nacht verbrachte ich wenig ereignisreich im Flur. Lediglich Bodo war meine Gesellschaft, der auf dem Boden lag und mich keine Minute aus den Augen ließ und gelegentlich knurrte. Irgendwie schien er etwas zu ahnen. Tiere haben ja ein Gespür für uns magischen Wesen. Am nächsten Morgen, als die Kinder in der Schule waren, platzierte mich Gabi in Lisas Zimmer. Ich nahm Platz an einer Teetafel zwischen Barbie und einer gruseligen Puppe, die mich an Anabelle erinnerte. Jedenfalls waren die beiden vorerst nicht sonderlich unterhaltsam. Eher Marke Hohlfritten, dachte ich. Gegen Mittag kamen die Kinder wieder nach Hause. Vom Flur her hörte ich schon das Geschrei. »Wo ist der Elf?« »Hat er sich versteckt?« »Oh man, ist das coool!« Kinder sind noch so schön naiv in dem Alter. Wenn die beiden bei der Eiersuche jedenfalls genauso lange brauchen, wie um mich ausfindig zu machen, können wir demnächst Ostern und Weihnachten zusammenlegen. Jedenfalls hatte ich ausgiebig Gelegenheit Barbie näher kennenzulernen. Nach Weihnachten wollen wir mal ausgehen. Anabelle fand das weniger lustig und drehte ihren Kopf um 180°. Auch die Nachfrage, ob sie jetzt einen Puppen-Doktor oder Exorzisten bräuchte, hob ihre Stimmung keineswegs. 

Nach dem Abendessen und dem Zähneputzen entdeckte Lisa mich schlussendlich. »Da ist ja der Elf«, kiekste sie. »In meinem Zimmer!« 

Tim stürmte zu Lisa. »Och menno, ich wollte ihn doch haben. Wie heißt der wohl?«

»Jonathan!«, strahlte Lisa. »Für mich sieht er wie ein Jonathan aus.«

Jetzt weißt Du auch, wie ich an meinen Namen gekommen bin. Meinen richtigen Elfen-Namen könnt ihr Menschen eh nicht aussprechen und 'Jonathan' gefällt mir sehr gut.

Für diese Nacht hatte ich mit Barbie ausgemacht, dass ich ne Runde mit ihr ums Traumhaus drehe. Wir warteten bis aus Lisas Richtung gleichmäßige Atemgeräusche kamen. Ich bot Barbie meinen Arm an, während Anabelle irgendwelche lateinischen Texte rückwärts rezitierte – komisch.

Wir waren gerade aufgestanden, als eine Kinderstimme fragte: »Ist da jemand?« Direkt erstarrten wir in der Bewegung. Von Lisas Bett strahlte uns eine Taschenlampe an. Langsam kam sie auf uns zu.

»Wie seid ihr den da hingekommen? Lebst du wirklich?« Lisa piekste mich mit einem Buntstift in den Bauch. Autsch. Dann setzte sie uns zurück an unsere Plätze. 


Am nächsten Morgen war die Aufregung groß. Lisa berichtete, dass ich meinen Platz verlassen hätte. 

»Du bist doch blöd«, lachte Tim. 

»Selber blöd«, antwortete Lisa.

»Genug ihr zwei!«, schimpfte Mutter. »Ich denke heute Nacht wird er Tim besuchen. Mal sehen was dann passiert.«

»Hoffentlich nichts«, dachte ich bei mir. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Tim fand mich direkt im Regal zwischen Fußballschuhen und Ritterburg. Und natürlich hielt er nichts von der Anweisung mich nicht anzufassen. In Nullkommanichts saß ich im ferngesteuerten Porsche Cabrio und bretterte durch die Wohnung. Wenigstens konnte Tim mit der Steuerung umgehen. Bis das Unheil seinen Lauf nahm. Mit wehender Zipfelmütze fuhr ich an Bodo vorbei, der sofort meine Witterung und Verfolgung aufnahm. So jagte nun die Kolonne aus Spielzeugauto und Hund Richtung Wohnzimmer. Dort stand Bruno Birkenbaum auf der Leiter und wollte gerade die Spitze auf den Weihnachtsbaum setzen. In dem Moment schepperte es schon. Das Fahrzeug prallte mit voller Wucht gegen den Baumständer. Leiter und Baum begannen zu wackeln, aber Bruno konnte sich gerade so halten. Jedoch kam direkt der Vierbeiner angerannt und alles viel zusammen wie ein Kartenhaus. Ich wurde aus dem Auto geschleudert und hing an der Spitze des umgekippten Weihnachtsbaums. Bruno und Bodo saßen nebeneinander auf dem Hosenboden, umschlungen von einer roten Weihnachtsgirlande. Ein Rot, dass jetzt nur noch von Brunos Kopf übertroffen wurde.

»TIIIIIIIIM!«, schrie er wütend. »Jetzt habe ich aber genug von diesem sch…«. In diesem Moment kam Gabi ins Wohnzimmer und sah ihn streng an. »Von diesem sch.. önen Elf!« Er stand auf, packte mich und steckte mich in eine Schublade des Wohnzimmerschranks. Was kann ich denn dafür? Es wurde eine einsame, langweilige Nacht. Auch am nächsten Morgen ließ sich niemand blicken. Man hatte mich vergessen. 


Natürlich hatten die Kinder mich nicht vergessen. Ich hörte sie flüstern. Vernahm Wortfetzen wie 'Mama', 'Papa' und verstecken. Was darauf folgte, waren die dunkelsten Stunden meines 347-jährigen Elfenlebens! Tim und Lisa versteckten mich auf dem Kleiderschrank des elterlichen Schlafzimmers. Für das, was ich in dieser Nacht beobachten musste, würde ich mir am liebsten die Augen rausreißen. Bruno und Gabi. Nackt. Küssend. Und – pfui Spinne – beim … nein ich kann es nicht aussprechen … aber lasst euch gesagt sein, nicht alles, was brummt ist eine elektrische Zahnbürste und schaut nie, wirklich niemals (!) in die Nachttischschubladen eurer Eltern!


Traumatisiert wartete ich auf den Tagesanbruch und überlegte, was wohl Barbie sagen würde, wen ich ihr davon erzählte. Lisa und Tim rissen mich aus den Gedanken. Die Eltern waren einkaufen gegangen und sie nutzten die Chance, mir ein neues Versteck zu suchen. Diesmal sollte es die Küche sein. Ich liebe die Küche. Es war der beste Ort, um die letzte Nacht zu vergessen. Ich wurde ins Regal neben die große Keksdose gesetzt. Während ich mich an dem Spritzgebäck in der Dose bediente – köstlich - beobachtete ich was die beiden derweil im Wohnzimmer trieben. Verschwörerisches Tuscheln war zu vernehmen.

»Das dürfen wir nicht. Papa hat das verboten!« Lisa klang ängstlich.

»Sei doch nicht so ein Feigling, Lisa. Ich habe genau zugeguckt, wie Papa den Adventskranz angezündet hat mit den Streichhölzern. Ich kann das.«

Tim kramte eine Packung Streichhölzer aus der Schublade des Wohnzimmerschranks. 

'Messer, Gabel, Schere, Licht …' hätte ich gerne geschrien, denn ich sah das Unheil nahen. Tim zündete die vier Kerzen des Kranzes an. Natürlich auch die vom 1. Advent, die fast abgebrannt war. Einige Minuten schauten Lisa und Tim auf die flackernden Lichter bis es ihnen, typisch Kinder, zu langweilig wurde. 

»Lass' uns in mein Zimmer gehen und Nintendo spielen«, schlug Tim vor, worauf Lisa heftig nickte.

Mit ungutem Gefühl beobachtete ich den Kranz. Zwischenzeitlich hatte sich Bodo zu mir in die Küche gesellt und wir tauschten besorgte Blicke aus. In Krisenzeiten steht man schließlich zusammen. Da springe auch ich über meinen Elfenschatten und fraternisiere mit einem Flohfänger. 

Es dauerte nicht lange. Was mit einer leichten Rauchentwicklung begann, war nach kurzer Zeit ein lichterloh brennender Adventskranz. Ich rief Bodo. Brav blieb er unter dem Regal stehen, so dass ich mit einem Sprung auf seinem Rücken landen konnte. Rittlings packte ich ihn bei den Ohren und lenkte ihn Richtung Spüle. Bodo erkannte die Lage und stellte die Vorderpfoten auf die Geschirrablage, auf die ich über seinen Kopf kletterte. Glücklicherweise stand ein Glas in der Spüle. Ich sprang an den Hebel des Wasserhahns und füllte das Glas. Schwer beladen kehrte ich zu Bodo zurück und wir galoppierten ins Wohnzimmer. Todesmutig sprang ich mit dem Glas auf den Wohnzimmertisch. Schüttete das Wasser auf den Kranz. Zwar konnte ich den Brand etwas eindämmen, aber die Flammen loderten weiter. Der Zipfel meiner Mütze fing Feuer. Das letzte Stündlein meines Elfenlebens schien geschlagen zu haben.

In diesem Moment standen Bruno und Gabi in der Wohnzimmertür. Sofort sank ich in mich zusammen. Bruno reagierte als Erster, rannte in die Küche und kam mit einem Feuerlöscher zurück. Die Lage war unter Kontrolle. Da lag ich nun auf dem Wohnzimmertisch. Pitschenass, verrußtes Gesicht und die Mütze angekokelt. Mehr 'Bad Santa' denn Elf. Inzwischen waren Lisa und Tim aus Tims Zimmer gekommen. Schuldbewusst den Blick zu Boden gesenkt.

»Was habt ihr euch dabei gedacht?«, schimpfte Bruno. 

Gabi legte ihm begütigend die Hand auf den Arm. »Ihr wisst, dass das falsch war, oder? Bis Neujahr gibt es kein Fernsehen mehr.«

»Ja, Mama«, nickten die beiden Sünder einhellig.

»Dann sind wir jetzt froh, dass alles nochmal gut ausgegangen ist.«

»Wie kommt eigentlich dieser komische Elf hierhin?«, fragte Bruno und kratzte sich am Kopf. »Und das Wasserglas? Bodo wird das ja wohl nicht gewesen sein.«

»Keine Ahnung«, antworteten die Kinder einstimmig und Bodo mit einem lauten »Wuff!«

Die restliche Zeit bis Heiligabend verlief ruhig und harmonisch. Obwohl jeder wusste, dass weder ich noch Bodo an der Löschaktion beteiligt sein konnten, waren wir die heimlichen Helden. Bodo bekam zu Weihnachten einen extra großen Knochen und ich einen Ehrenplatz als Dekoration auf der Festtagstafel. Zudem wurde mein ramponiertes Äußeres aufgehübscht. Besser als nix. 


Dann kam der Tag, an dem Weihnachten wieder abgebaut wurde. Ich fürchtete schon, wieder in so einen stinkenden Pappkarton eingelagert und auf dem Dachboden verstaut zu werden. Aber als Mutter Birkenbaum mich in die Hand nahm und anschaute sagte sie: »Ich glaube, du hast dir einen besonderen Platz bei uns verdient.« Und setzte mich in die Vitrine des Wohnzimmerschranks. 

Seitdem bringt mich mein neuer Freund Bodo jede Nacht zum Rendezvous mit Barbie. Ich mag meine neue Familie und freue mich schon auf nächstes Weihnachten.